Ich schreibe diesen Artikel an einem vollkommen freien Vormittag. Keine Nachrichten, keine offenen Schleifen, kein Reagieren auf irgendjemanden. Für ein paar Stunden wird das Grundrauschen des Alltags einfach leiser. Und ich darf meiner Produktivität freien Lauf lassen.

Und das hat mich auf einen Gedanken gebracht: Wie selten das sonst so ist. Und wie sehr wir trotzdem so tun, als wäre es egal.

„Gib einfach Dein Bestes" – klingt so simpel

Als hätten wir jeden Tag dieselbe Menge Energie zur Verfügung. Zuverlässig und konstant abrufbar, egal was sonst noch läuft.

Dabei läuft doch eigentlich immer irgendwas im Hintergrund mit. Das Kind, das gerade durch eine schlechte Schlafphase geht. Die Kollegin, deren Kommentar im Meeting noch nachhallt. Der Arzttermin, den Du seit Wochen vor Dir herschiebst. Der Familienstress, der nirgendwo auf der To-do-Liste steht, aber trotzdem munter Deine Kapazität verbraucht.

Du bist dieselbe Person. Aber nicht jeden Tag in derselben Verfassung. Und darüber reden wir erstaunlich selten.

Die meisten Tipps rund ums produktive Arbeiten gehen von einem gleichmäßigen Grundzustand aus. Woche planen, Zeiten blocken, abarbeiten. Als wärst Du eine Maschine mit konstantem Output.

Es ist so offensichtlich widersprüchlich. Und trotzdem setzen wir uns an einem schweren Tag hin, schauen auf genau die Liste, die wir an einem unkomplizierten Tag locker abarbeiten würden, und fühlen uns schlecht, wenn wir sie nicht schaffen.

Diese Liste war für eine Version von Dir geschrieben, die heute vielleicht gerade nicht da ist.

Für neurodivergente Frauen ist eine schwankende Produktivität kein gelegentliches Problem. Es ist strukturell.

Wer hochsensibel ist, wer ADHS hat, wer autistisch ist, erlebt oft deutlich stärkere Schwankungen in der Tageskapazität, als das klassische Produktivitätsdenken überhaupt vorsieht. Reizüberflutung, Schlafqualität, die stille Erschöpfung nach einem langen Tag voller Masking: Das alles beeinflusst, was an einem bestimmten Tag wirklich geht. Und manchmal kommt der Flow erst um 22 Uhr, wenn man eigentlich ins Bett gehen sollte.

Das ist keine Schwäche. Das ist ein anderes System – das schlicht andere Bedingungen braucht.

Aus meinem Alltag

Meine Tochter hat gerade eine Phase, in der sie nachts schlecht schläft. Ich muss mehrmals in der Nacht aufstehen. Wer das kennt, weiß: Am nächsten Morgen sitzt Du zwar am Schreibtisch, aber ein guter Teil Deines Gehirns ist noch irgendwo zwischen 2 und 4 Uhr nachts hängengeblieben.

Früher hätte ich das ignoriert. Einfach versucht, trotzdem die volle Liste durchzuziehen. Und dann gegen Mittag gemerkt: Geht nicht. Mit dem entsprechenden Frust obendrauf.

Heute mache ich die Liste kleiner. Eine Sache. Die eine, die heute wirklich zählt. Und wenn ich die geschafft habe, schaue ich, was dann noch geht.

Was hilft an solchen Tagen

Freinehmen ist nicht immer eine Option. Aber ein paar kleine Anpassungen können viel rausnehmen:

01
Eine Sache wählen Nicht fünf Prioritäten, von denen Du vier als Misserfolg verbuchen wirst. Nur die eine, die heute wirklich zählt.
02
Dem Gedankenkarussell einen festen Platz geben Was auch immer im Hintergrund läuft und Energie zieht: Es wird nicht ruhiger, wenn Du es den ganzen Tag halb-denkst. Ein konkretes Zeitfenster – der Anruf, die Recherche, die Entscheidung, der Mittagsschlaf – kann Wunder wirken.
03
Den schwierigen Moment einplanen Wenn Du weißt, dass Donnerstagnachmittag hart wird, leg die anspruchsvolle Arbeit auf einen anderen Tag. Schwere Aufgaben in schwere Zeiten zu legen macht beides schlimmer.
04
Sagen, was gerade los ist Was Du trägst, ist für andere unsichtbar. Ein kurzes „Mein Kind schläft gerade schlecht, bitte entschuldigt, wenn ich kurz angebunden bin" gibt anderen die Chance, sich darauf einzustellen.
05
Abgeben, was abgebbar ist Du musst nicht alles selbst erinnern, organisieren und festhalten. Was könnte gerade delegiert werden – an jemand anderen oder, ja, auch an KI?

Sich selbst entgegenzukommen heißt nicht, weniger von sich zu erwarten. Es ist die einzige Art, auf Dauer wirklich das zu leisten, was Dir wichtig ist.

Manche Wochen ist Dein Bestes: fokussiert, strukturiert, produktiv. Andere Wochen ist Dein Bestes: das Wichtigste erledigt, während das Leben drumherum macht, was es will.

Beides zählt. Beides ist Dein Bestes.

„Je mehr wir die Tatsache unserer Begrenztheit akzeptieren — und mit ihr arbeiten statt gegen sie — desto produktiver, sinnvoller und freudvoller wird das Leben."

Oliver Burkeman  ·  Vier Tausend Wochen

P.S.: Wenn Du beim Lesen gedacht hast „das bin ich", dann ist das vielleicht für Dich: Das Gruppenprogramm Leading Differently ist ein Leadership-Programm für neurodivergente Frauen in Führung. Die erste Runde startet Anfang November mit 10 Plätzen.

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